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Trotz Krankheit Auto fahren?

Nur bedingt fahrtauglich? Wer darf trotz Krankheit hinters Steuer? Kardiologen und Augenärzte üben Kritik an rechtlichen Vorgaben
von Dr. Reinhard Door, 09.01.2012

Manchmal sind auch Ärzte in medizinischen Fragen ratlos. Als ein Patient Hermann Klein einst fragte, ob er nach seiner Behandlung wieder Auto fahren dürfe, konnte ihm der Professor keinen fundierten Rat geben. Dieses Schlüsselerlebnis war Anlass für eine Arbeit, die den Chefarzt der Abteilung Kardiologie/Pneumologie am Klinikum Idar-Oberstein und vier Kollegen dreieinhalb Jahre lang viel Freizeit kosten sollte.

Sie mündete in ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Darin beschreiben die Experten, ob und wie lange Menschen mit unterschiedlichen Herzkrankheiten auf die Teilnahme am Straßenverkehr verzichten sollten. "Jetzt können wir Patienten endlich wissenschaftlich gut untermauert informieren", freut sich Klein.

Die gesetzlichen Vorgaben, so urteilen die Autoren des Positionspapiers, sind für herzkranke Patienten "nur eingeschränkt hilfreich". Die vom Verkehrsministerium erlassene "Fahrerlaubnisverordnung" enthält nur wenig Konkretes. Sie unterscheidet zwischen Privat- und Berufsfahrern, die mit Bus oder Taxi Personen chauffieren oder einen Lastwagen steuern. So sieht die Verordnung vor, dass Berufsfahrer ihre Arbeit nach dem zweiten Herzinfarkt nicht mehr ausüben dürfen – egal wie schwer dieser ausgefallen war. Dagegen fehlen zum Beispiel Angaben für Patienten mit implantiertem Defibrillator.

Mehr ins Detail gehen die juristisch nicht bindenden "Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung", erarbeitet von einem Ausschuss der Bundesanstalt für Straßenwesen. Sie sollen Ärzten auch als Beratungsgrundlage dienen. Die letzte Fassung stammt jedoch aus dem Jahr 1999 "und steht auf dem wissenschaftlichen Stand von 1996", sagt Hermann Klein. Deshalb arbeitet er nun mit drei Kollegen in dem Gremium der Behörde mit, das die Leitlinien im herzmedizinischen Bereich aktualisiert. Basis ist das Positionspapier.

Dessen Grundlage bildet eine Formel kanadischer Kardiologen. Mit ihr lässt sich näherungsweise das Risiko berechnen, dass ein herzkranker Patient oder sein Unfallgegner bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet wird. Die Gleichung berücksichtigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Autofahrer wegen seiner Herzkrankheit die Kontrolle über das Fahrzeug verliert, sowie die hinter dem Steuer verbrachte Zeit und die Art des Fahrzeugs.

Fazit der Arbeitsgruppe: Die behördlichen Vorgaben fallen in vielen Punkten zu streng aus. So dürfen diesen zufolge Herzinfarkt-Patienten erst nach drei bis sechs Monaten wieder ans Steuer. Das Kardiologen-Papier gesteht ihnen dies – je nach Pumpleistung im Anschluss an den Infarkt – teils schon nach zwei Wochen wieder zu.

Ein entgegengesetztes Problem beschäftigt Augenärzte: Sie kritisieren eine Lockerung der Fahrerlaubnisverordnung, die am 1. Juli 2011 in Kraft trat. In einer Stellungnahme finden die Fachgesellschaft und der Berufsverband der Augenärzte zwar auch lobende Worte. Ein schwerwiegendes Problem sehen die Mediziner jedoch in einem unscheinbaren, neu formulierten Satz in Anlage 6 der gesetzesgleichen Verordnung. Demnach dürfen künftig auch Menschen mit Rotblindheit oder einer starken Schwäche im Rotsehen als Lastwagen-, Bus- oder Taxifahrer arbeiten.

"Das Problem dabei ist, dass Betroffene die Rücklichter eines Vordermanns bei schlechter Sicht zu spät erkennen", erklärt Professor Bernhard Lachenmayr, Vorsitzender der Verkehrskommission der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. "Bei Nacht, Regen, Nebel oder Schneetreiben gefährden sie damit ihre Fahrgäste und andere", urteilt der Münchener Augenarzt. Wie viele Unfälle auf die Farbsehschwäche zurückgehen, belegt aber keine Statistik – denn "Sehschwäche" wird bei den polizeilichen Ermittlungen nicht als Ursache berücksichtigt. Für rotblinde Fahrer, die privat unterwegs sind, verlangt auch Lachenmayr kein Fahrverbot.

"Deutschland hat die Anforderungen an das Farbensehen der europäischen Richtlinie angepasst", rechtfertigt Ingo Strater, Sprecher des Bundesverkehrsministeriums, die Lockerung für Berufsfahrer. Er zitiert eine Schweizer Studie, der zufolge Farbsinnesgestörte keine erhöhte Gefahr im Straßenverkehr darstellen. Die Studie ist allerdings 40 Jahre alt. Lachenmayr wiederum lässt das Argument der europäischen Harmonisierung nicht gelten: "Die EU verlangt diese Lockerung nicht."   

Im Zweifel auf das Auto verzichten

Augenärzte und Kardiologen sind verpflichtet, ihre Patienten über medizinische Risiken beim Autofahren aufzuklären. Doch das ärztliche Schweigegebot verbietet ihnen in der Regel, ihre Erkenntnisse an die Behörden zu melden. Am liebsten ist es Klein und Lachenmayr daher, wenn Patienten bei gesundheitlichen Bedenken von sich aus auf ihr Fahrzeug verzichten.

Sind sie jedoch dazu nicht bereit, greift auch für sie ein wenig bekannter Paragraf des Strafgesetzbuchs: Wer "infolge geistiger oder körperlicher Mängel" nicht sicher fahren kann und dadurch "Leib und Leben" anderer gefährdet, dem droht eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Haft.

Achtung! Verschiedene Medikamente können die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen

W&B/Creative Collection

Gefährliche Nebenwirkung:

Viele Krankheiten können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Ob sich Patienten hinters Steuer setzen dürfen, hängt davon ab, wie schwer das Leiden ausgeprägt ist und wie gut eine Behandlung die Symptome lindert. Für Berufsfahrer sind die Grenzen meist enger gesteckt als für private Fahrer. Die folgenden Informationen gelten für Letztere.

Einschränkungen bestehen bei schweren psychischen Krankheiten, Nierenschwäche, Gleichgewichtsstörungen, Herz- und Kreislaufleiden, neurologischen Krankheiten, Drogen- oder Medikamentensucht, Schlafstörungen und schweren Lungenkrankheiten. Ob Patienten ein Fahrzeug bewegen dürfen, kann im Einzelfall nur der behandelnde Arzt beurteilen.

Auch einige Gruppen von Arzneien können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Gefahren lauern generell bei Medikamenten, die beruhigend, dämpfend oder ermüdend wirken oder die Reaktionszeit verlängern. Darunter fallen starke Schmerz- und Beruhigungsmittel, einige Antidepressiva sowie Antiepileptika. Aber auch "unverdächtige" Arzneimittel, etwa gegen Allergien oder Bluthochdruck, haben teilweise ähnliche Begleiterscheinungen. Besonders aufpassen oder besser auf das Auto verzichten sollten Patienten zu Beginn einer entsprechenden Therapie.

Alkohol verstärkt die Wirkung vieler auf das zentrale Nervensystem zielenden Arzneien. Benötigen Patienten mehrere Mittel, erhöht auch dies das Risiko. Nehmen Sie deshalb eine Beratung durch einen Arzt und Apotheker in Anspruch, wenn Sie eines oder mehrere der genannten Medikamente benutzen.



Bildnachweis: W&B/Creative Collection

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