banner_grau.gif

Amts-Apotheke

  • Apotheker Thomas Fischer e.Kfm.
  • Steinstr. 2
  • 36466 Dermbach

Wie natürliche Heilkunst die Schulmedizin ergänzt

Yoga, Akupunktur, pflanzliche Mittel: Immer mehr Ärzte akzeptieren Naturheilverfahren. Die Patienten profitieren von dieser Teamarbeit
von Ute Essig, aktualisiert am 10.03.2017

Starke Kombination: Schulmedizin und alternative Methoden können sich ergänzen

W&B/Jan von Holleben, iStock/malija

Viele Naturheilverfahren sind schon lange ein fester und unumstrittener Teil der Schulmedizin. Doch hatte es vor 20 Jahren durchaus noch Seltenheitswert, dass Ärzte in Deutschland akupunktierten oder zur Linderung von Rückenschmerzen Yogaübungen empfahlen. Zu esoterisch fanden sie die komplementären Verfahren und wissenschaftlich nicht fundiert. Doch allmählich gelingt der Brückenschlag über den einst tiefen Graben zwischen Medizin und alternativer Heilkunst – vor allem, weil manches Therapieverfahren mittlerweile besser erforscht ist. Besonders die traditionelle fernöstliche Medizin aus China und Indien hat eine große Karriere hinter sich.

Bei den Patienten findet die "andere" Medizin längst großen Anklang. Rund 57 Prozent der Deutschen haben schon einmal alternative Heilmethoden in Anspruch genommen, wie eine aktuelle GfK-Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau zeigt.

Beispiele zum Einsatz von Naturheilverfahren

Es gibt kein Entweder-oder

Die Beziehung zwischen Medizin und komplementären Verfahren charakterisiert Dr. Ellen Lundershausen nicht als ein Entweder-oder, sondern es sei ein Sowohl-als-auch. "Die Übergänge verschwimmen", sagt die Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen und niedergelassene Hals-Nasen-Ohren-Ärztin in Erfurt.

Außerdem hätten natürliche Heilmittel auch in der Schulmedizin eine lange Tradition. "Das basiert auf Erfahrungswerten, die seit Generationen überliefert sind." Als HNO-Ärztin rät sie zum Beispiel Patienten, die unter Heiserkeit leiden, ergänzend zu Inhalationen.

Bei Notfällen ist die Schulmedizin alternativlos

Andreas Michalsen stößt sich jedoch am Begriff "alternative Medizin". "Kein seriöser Arzt bezeichnet Naturheilverfahren als Wahlmöglichkeit etwa bei lebensrettenden schulmedizinischen Behandlungen wie Chemotherapie oder der Basistherapie bei rheumatoider Arthritis", sagt der Stiftungsprofessor für klinische Naturheilkunde an der Charité-Universitäts­medizin Berlin entschieden. "Bei einem Herzinfarkt wollen die Patienten auf die Intensivstation und keine Akupunktur."

Die Umfrage der Apotheken Umschau bestätigt das. Fast 77 Prozent der Teilnehmer sind der Meinung, dass bei ernsthaften Erkrankungen nur die klassische (Schul-)Medizin hilft. Alternative Heilmethoden könnten dann höchstens Symptome lindern.

Prof. Stefanie Joos von der Universität Tübingen

W&B/Matthias Schmiedel

Erst mal etwas Pflanzliches

Viele Allgemeinmediziner und Hausärzte verbinden beide Therapieformen ganz selbstverständlich. Positive Erfahrungen mit einzelnen Behandlungsmethoden sind oft aus­schlag­gebend dafür, dass Ärzte komplementäre ­Verfahren anbieten, fand Professorin Stefanie Joos von der Universität ­Tübingen heraus. Oft reagieren die Mediziner auf die Wünsche von Patienten, die etwa eine naturheilkundliche Behandlung einfordern, weil sie diese für sanfter oder für besser verträglich halten.

Die Angst vor Nebenwirkungen ist dabei ein starkes Motiv. "Viele Patienten wollen deshalb zuerst etwas Pflanzliches ausprobieren", berichtet die ärztliche Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, die auch als Hausärztin tätig ist.

Immer mehr Mediziner studieren Naturheilverfahren

Die große Nachfrage der Patienten hat die Zahl der niedergelassenen Ärzte zum Beispiel mit der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren in den vergangenen Jahren stark ansteigen lassen. Waren es 1993 noch knapp 5000 Mediziner, sind es heute 16.400. Einige Ärzte bieten ergänzende Heilmethoden aber auch ohne diese Zusatzausbildung an.

Warum ist die "andere" Medizin bei den Patienten so beliebt? "Sie gönnt sich mehr Zeit für das Gespräch mit ihnen", sagt Andreas Michalsen. Egal ob Akupunktur oder Kneipp-Therapie: Eine ausführliche Anamnese, Fragen nach der Lebensgeschichte und nach familiären Besonderheiten stellen einen wichtigen Teil dieser Behandlungs­­methoden dar. "Das ist für viele Patien­ten zunehmend attraktiv im Vergleich zu den acht Minuten, die ein Arzt in der konventionellen Medizin ihnen im Durchschnitt widmet."

Prof. Andreas Michalsen von der Charité in Berlin

W&B/Andreas Müller

Patienten wünschen sich mehr Zeit vom Arzt

Die Umfrage der Apotheken Umschau spiegelt diese Einschätzung wider. 40 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie alternative Heilmethoden besonders deswegen schätzen, weil sich der Arzt hierbei meistens viel mehr Zeit für sie nimmt als in der klassischen (Schul-)Medizin. Damit meinen sie nicht nur die reine Gesprächszeit, sondern auch die Behandlungszeit. Die Konsultation endet nicht damit, dass die Patienten mit einem Rezept in der Hand die Praxis verlassen. Bei einer Akupunktur oder Schröpfbehandlung zum Beispiel widmet sich der behandelnde Arzt dem Patienten insgesamt etwa acht- bis zehnmal. Bei jedem Besuch wird erneut über die Beschwerden, den Verlauf der Erkrankung und eine mögliche Linderung der Symptome gesprochen.

Ärztliche Zuwendung ist jedoch nicht der einzige Grund dafür, dass ergänzende Behandlungsverfahren so populär sind. Viele eröffnen dem Patienten Möglichkeiten, um selbst aktiv zu werden. Er bekommt das Gefühl, das Heft wieder in der Hand zu haben, wie Joos’ Studien bestätigen. Denn viele Menschen – vor allem mit chronischen Krankheiten – fühlen sich dem als anonym empfundenen Medizinbetrieb ausgeliefert.

Begriffsverwirrung bei Patienten

Eine verwirrende Terminologie erschwert einen einheitlichen Dialog über die anderen Therapieverfahren. Die Begriffe Alternativmedizin, Komplementärmedizin, Naturheilverfahren und Naturheilkunde werden in der Umgangssprache ohne klare Abgrenzung verwendet.

Manche Therapien sind außerdem längst in der Medizin etabliert, zum Beispiel die Pflanzenheilkunde. Fachkreise wiederum unterscheiden zwischen den klassischen Naturheilverfahren und komplemen­tärer beziehungsweise alternativer Medizin, zu denen unter anderem die Akupunktur gehört. International haben sich übergreifend wiederum die Begriffe Komplementärmedizin und integrative Medizin durchgesetzt.

Anerkennung für die Lehre von Kneipp

Die Keimzelle der wissenschaftlich gestützten Komplementärmedizin in Deutschland ist die klassische Naturheilkunde nach Kneipp. Sie basiert auf fünf Säulen: Phyto-, Bewegungs-, Ernährungs-, Ordnungs- und Hydrotherapie. Die meisten Experten sind sich einig, dass diese naturheilkund­lichen Verfahren die Behandlung zahlreicher Krankheiten unterstützen können.

"Von hier aus gibt es fließende Übergänge in hoch unseriöse Bereiche", sagt Professor Jost Langhorst, Leiter der Arbeitsgruppe Naturheilkunde in den medizinischen Leitlinien an der Universität Duisburg-Essen. So mancher Behandler arbeitet mit Verfahren, deren Wirksamkeit weder wissenschaftlich belegt ist noch von Experten anerkannt wird. Zum Beispiel Magnet­resonanz- und Bioresonanztherapie sowie Kinesiologie. "Wir müssen die Spreu vom Weizen trennen", fordert der Leiter des Zentrums für Integrative Gastroenterologie an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. "Das heißt, dass wir die akademische Naturheilkunde, Komplementärmedizin, Integrative Medizin weiter voranbringen müssen."

Gremium: Patienten haben Anspruch auf Wirksamkeit

In diesem Sinn ist auch eine Stellungnahme der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zu "besonderen" Therapierichtungen aus dem Jahr 1998 zu verstehen, die vor allem die Homöopathie im Blick hat. "Es erscheint nicht sehr überzeugend", heißt es darin, "einerseits bei ernsthaften ­­Erkrankungen wie Tumorleiden und Infektionskrankheiten die Errungenschaften der modernen Medizin in Anspruch zu nehmen, andererseits aber deren Bedeutung zu relativieren."

Die wissenschaftlich begründeten und die "allein von persönlichen Überzeugungen getragenen" Behandlungsverfahren würden sich gegenseitig ausschließen. Fazit des einflussreichen Ärztegremiums: Das Beschwören von Gemeinsamkeit, Ergänzung und Komplementarität sei zwar "politisch opportun, aber wissenschaftstheoretisch unhaltbar".

Die Voraussetzung dafür, dass die Medizin seitdem einige Naturheilverfahren und natürliche Arzneimittel anerkannte, war, dass wissenschaftliche Untersuchungen deren Wirksamkeit bestätigten. Sie erfüllten die Forderung der Arzneimittelkommission, dass jeder Patient Anspruch darauf habe, mit nachweislich wirksamen Medikamenten behandelt zu werden. Doch selbst wissenschaftlich erprobte Verfahren wie zum Beispiel die Bewegungs- oder Phytotherapie schaffen es nur langsam, sich höchste medizinische Weihen zu erkämpfen.

Langer Weg zur Aufnahme in ärztliche Leitlinien

Erst wenn sie in die ärztlichen Therapiestandards – die medizinischen Leitlinien –  aufgenommen werden, finden die Verfahren Eingang in die schul­­medizinische Praxis. Leitlinien werden unter anderem von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medi­zinischen Fachgesellschaften (AWMF) ausgearbeitet und in regelmäßigen Abständen an den aktuellen Stand des Wissens angepasst. "Hier gibt es viel zu tun. In den letzten Jahren ist aber schon einiges erreicht worden", sagt Jost Langhorst.

Die einzige Fachgruppe aus dem Feld der Komplementärmedizin, die als ständiges Mitglied dort mitarbeitet, ist die Gesellschaft für Phytotherapie. Sie wurde 2013 in die AWMF aufgenommen. Ein Meilenstein im Dialog zwischen Medizin und komplementären Heilverfahren?

Leitlinien empfehlen nur selten Naturheilverfahren

Fakt ist: In den Leitlinien der AWMF werden komplementäre Therapien und Arzneimittel bislang nur gelegentlich empfohlen. "Wir haben mehr als 700 Leitlinien, aber zu den Stichworten Naturheilkunde, Komplementärmedizin, Phytotherapie, Yoga und Akupunktur in der Tat nicht so viele Treffer", bestätigt Dr. Monika Nothacker, stellvertretende Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement in Berlin. Auf etwa 120 bis 140 Erwähnungen kommt sie bei ihrer Recherche.

Empfehlungen der AWMF-Experten finden sich vor allem in der Onkologie und in der Schmerztherapie – also in Fachgebieten, in denen die konventionelle Medizin oft an ihre Grenzen kommt. Bei Fibromyalgie, einem langwierigen Schmerzsyndrom, rät die entsprechende Leitlinie unter anderem zu meditativen Bewegungstherapien (Tai-Chi, Qigong und Yoga), Entspannungsverfahren und Ausdauertraining.

Erfolg für die Akupunktur

Bei der jüngsten Überarbeitung der Fibromyalgie-Leitlinie wurde auch die Akupunktur aufgenommen. "Die Evidenz ist so gut, dass man sie nicht mehr negieren kann", sagt Dr. Dominik Irnich, erster Vorsitzender der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA). Nun soll die Nadel-Heilkunst auch in der Nationalen Versorgungsleitlinie zum unspezifischen Rückenschmerz einen höheren Stellenwert bekommen als bislang.

"Endlich", sagt Irnich. Er findet, dass die deutschen Versorgungsleit­linien oft der internationalen Forschung hinterherhinken. So vermisst er zum Beispiel eine positive Bewertung von Yoga in der Therapie von Kreuzschmerzen. Eine wissenschaftliche Untersuchung in dem renommierten medizinischen Fachmagazin JAMA belegte jüngst, dass Achtsamkeitstraining mit Yogaübungen und Meditation sowie ein kognitives Verhaltenstraining mit Entspannungsübungen chronische Schmerzen im unteren Rücken innerhalb eines halben Jahres deutlich besser lindert als die übliche Behandlung mit Schmerzmitteln.

Zwei Hürden müssen Fachgesellschaften überwinden, um Mitglied in der AWMF zu werden. Zum einen sind formale Kriterien zu erfüllen. Die Gesellschaften haben beispielsweise nachzuweisen, dass sie wissenschaftlich arbeiten, einen wissenschaftlichen Jahreskongress abhalten und eine eigene Fachzeitschrift führen. Das kostet viel Geld. "Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich sehr schwertut, die geforderten hohen Summen zu bezahlen, um überhaupt Mitglied zu werden", sagt Irnich. Außerdem benötigen die Bewerber eine Zweidrittelmehrheit in der Delegiertenkonferenz.

Beide Methoden wollen auf ihre Weise helfen

Dennoch vertrauen viele Ärzte der Naturheilkunde und Komplementärmedizin. Sie eröffnen der Medizin zusätzliche Wege der Heilung.

Professor Peter Matthiessen, Vor­sitzender des Dialogforums Pluralismus in der Medizin, wählt das Beispiel eines schlechten Schwimmers, um den Unterschied zwischen der klassischen Schulmedizin und komplementären Behandlungsstrategien zu relativieren. "Die Schulmedizin versucht, ihn vor dem Ertrinken zu retten. Die Komplementärmedizin versucht, ihm das Schwimmen beizubringen." Beide wollen helfen. Beide wollen, dass der Schwimmer nicht untergeht.



Bildnachweis: W&B/Andreas Müller, W&B/Jan von Holleben, iStock/malija, W&B/Matthias Schmiedel

Lesen Sie auch:

Akupunktur

Wirkung von Akupunktur nachweisbar »

Die fernöstliche Heilmethode ist beliebt und es gibt neue beachtliche Ergebnisse »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Heilkräuter auf der Wiese

Alternative Medizin: Natürlich heilen

Ob Pflanzenheilkunde, Akupunktur oder Kneippen: Die alternative Medizin kann die Schulmedizin ergänzen. Wir stellen verschiedene Therapien vor »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages